Ratgeber · Vertriebskennzahlen · Lesezeit 8 Minuten · Aktualisiert am 11. Juli 2026
Vertriebskennzahlen: die vier Zahlen, die wirklich reichen
In den meisten inhabergeführten Unternehmen gibt es genau zwei Zustände. Entweder es wird gar nichts gemessen — man weiß am Monatsende, was reingekommen ist, und das war es. Oder jemand hat irgendwann ein Dashboard mit dreiundzwanzig Kacheln gebaut, in das seit einem halben Jahr niemand mehr hineingeschaut hat. Beides führt zum selben Ergebnis: Wenn der Umsatz einbricht, diskutiert ihr über Meinungen.
Die kurze Antwort
Du brauchst vier Zahlen. Nicht dreiundzwanzig. Vier: Wie viele Anfragen kommen rein. Wie viele davon werden zu einem gebuchten Termin. Wie viele Termine finden tatsächlich statt. Und wie viele Kunden werden daraus. Mehr braucht kein inhabergeführtes Unternehmen, um zu wissen, wo es blutet.
Der entscheidende Punkt kommt aber erst jetzt: Die Summen sind fast wertlos. Interessant sind die Übergänge dazwischen — von der Anfrage zum Termin, vom gebuchten zum stattgefundenen Termin, vom Termin zum Kunden. Drei Übergänge. In fast jedem Haus, das ich mir anschaue, bricht genau einer davon ein, während die anderen beiden völlig in Ordnung sind. Und weil niemand die Übergänge misst, wird trotzdem am falschen Ende geschraubt.
Ein System brauchst du dafür am Anfang nicht. Ein Blatt Papier und einmal die Woche fünf Minuten reichen. Ein CRM lohnt sich erst, wenn du den Überblick verlierst oder mehr als eine Person verkauft — es bildet einen Prozess ab, es ersetzt ihn nicht.
Warum du die Übergänge misst, nicht die Summen
Eine Summe sagt dir, dass etwas passiert ist. Ein Übergang sagt dir, wo es aufgehört hat zu passieren.
Schau mal: Zwei Unternehmen haben im Monat je 40 Anfragen und je 4 Kunden. Von außen sieht das identisch aus. Bei dem einen werden aus 40 Anfragen 30 Termine, von denen 12 stattfinden, und daraus 4 Kunden. Bei dem anderen werden aus 40 Anfragen 8 Termine, von denen 7 stattfinden, und daraus 4 Kunden. Dieselbe Summe, zwei völlig verschiedene Krankheiten. Der Erste verliert seine Leute zwischen Terminvereinbarung und Termin — der bucht Menschen, die gar nicht kommen wollen. Der Zweite verliert sie ganz vorne — der ruft nicht an oder erreicht niemanden.
Wer nur die Summen kennt, gibt in beiden Fällen mehr Geld für Werbung aus. Und in beiden Fällen ist das die teuerste mögliche Antwort auf die falsche Frage. Deshalb: Trag die vier Zahlen nebeneinander und rechne die drei Übergänge aus. Das ist keine Mathematik, das ist Kopfrechnen — und es ist der ehrlichste Blick, den du auf deinen Vertrieb werfen kannst.
Die vier Zahlen — und was jede verrät
Jede der vier Zahlen erzählt dir etwas anderes über dein Haus. Und jede zeigt auf eine andere Baustelle.
1. Anfragen
Alles, was sich bei dir meldet: Formular, Anruf, Empfehlung, Nachricht. Diese Zahl beantwortet nur eine einzige Frage — hast du überhaupt ein Vertriebsproblem? Wer im Monat drei Anfragen hat, hat kein Problem mit seiner Gesprächsführung. Der hat ein Bekanntheitsproblem, und daran ändert die beste Frage der Welt nichts. Erst ab einer gewissen Menge lohnt es sich überhaupt, über den Prozess zu reden.
2. Gebuchte Termine
Der Übergang von der Anfrage zum Termin ist der ehrlichste Spiegel, den es gibt — und er misst selten das, was alle denken. Er misst nämlich fast nie die Qualität deiner Anfragen. Er misst, wie schnell und wie oft ihr euch meldet. Ich sage das als jemand, der es selbst verbockt hat: In meinem eigenen Vertrieb lagen Anfragen im Schnitt über 70 Stunden, bevor jemand zum Hörer griff. Kein einziger dieser Menschen ist Kunde geworden — und ich habe eine ganze Weile geglaubt, die Anfragen seien schlecht gewesen. Sie waren nicht schlecht. Sie waren alt.
3. Stattgefundene Termine
Die Zahl, die fast niemand getrennt führt — und genau deshalb ist sie so wertvoll. Wenn viele Termine gebucht werden, aber wenige stattfinden, sagt dir das nichts über deine Verkaufsfähigkeit. Es sagt dir etwas über die Verbindlichkeit, mit der die Termine zustande kommen. Wer am Telefon nur „passt es Dienstag?“ fragt, bekommt Termine, die niemandem wehtun, wenn er sie ausfallen lässt. Wer vorher klärt, worum es geht, wer dabei sein muss und warum es sich für den anderen lohnt, bekommt weniger Termine — und deutlich mehr davon finden statt.
4. Kunden
Der Übergang vom stattgefundenen Termin zum Kunden ist die einzige Zahl, die wirklich etwas über deine Gespräche aussagt. Alles davor ist Organisation. Ist dieser Übergang schwach, hilft kein Werbebudget der Welt — dann geht es im Gespräch selbst verloren. Und dazu kann ich sagen, was sonst niemand belegen kann: Ich habe über 4.100 echte Verkaufsgespräche analysiert, 434 davon vollständig ausgewertet. Rund die Hälfte der verlorenen scheitert am exakt selben Fehler — das Angebot lag auf dem Tisch, bevor der Mensch gegenüber sein eigenes Problem laut ausgesprochen hatte. Fehlt die Qualifizierung vor dem Angebot, entsteht Druck. Und auf Druck folgt Abwehr.
Warum große Kennzahlensysteme scheitern
Sie scheitern nicht daran, dass sie falsch wären. Sie scheitern daran, dass niemand hineinschaut.
Ein Kennzahlensystem mit zwanzig Werten braucht jemanden, der es pflegt, jemanden, der es liest, und jemanden, der aus dem Gelesenen eine Entscheidung ableitet. In einem inhabergeführten Unternehmen ist das dreimal dieselbe Person, und die hat nachmittags einen Kunden vor sich. Nach vier Wochen ist der Stand von vorgestern drin. Nach acht Wochen macht keiner mehr auf. Und dann ist es schlimmer als vorher, weil ihr euch jetzt für gemessen haltet und trotzdem im Nebel steht.
Vier Zahlen überleben den Alltag. Sie passen auf einen Zettel, sie sind in fünf Minuten aktualisiert, und du kannst sie einmal die Woche laut vorlesen. Alles, was mehr Aufwand macht als der Erkenntnisgewinn wert ist, wird sterben — nicht aus Faulheit, sondern weil es sich nicht rechnet. Zu viel Analyse sorgt für Paralyse.
Und wenn du irgendwann ein Team hast, brauchst du diese vier Zahlen sogar noch dringender. Du sollst nicht ewig selbst telefonieren, du sollst ein Team haben. Aber du kannst kein Vertriebsteam führen, das du selbst nie gespielt hast — und du kannst niemanden führen, dessen Zahlen du nicht liest. Ohne diese vier Werte weißt du bei einem schwachen Monat nicht, ob dein Verkäufer schlecht war, ob zu wenig reinkam oder ob niemand angerufen hat. Du wüsstest nicht mal, welche Frage du ihm stellen sollst.
Wann sich ein CRM lohnt
Zwei Auslöser, sonst keine. Erstens: Du verlierst den Überblick — du weißt nicht mehr aus dem Kopf, wer offen ist, wer wartet und wer nachgefasst werden muss. Zweitens: Es verkauft mehr als eine Person. In dem Moment brauchst du einen gemeinsamen Stand, sonst führt jeder seine eigene Liste, und die Wahrheit hängt davon ab, wen du fragst.
Vorher ist eine Software kein Gewinn, sondern eine Ausrede. Ein System bildet einen Prozess ab — es ersetzt ihn nicht. Wer einen unklaren Ablauf in eine Software einträgt, hat hinterher einen unklaren Ablauf mit Monatsgebühr. Erst der Ablauf, dann das Werkzeug. Ein Navi bringt dich nur dahin, wo du hinwolltest.
Zwei Abgrenzungen noch, damit du weißt, wo du weiterliest: Ob deine Werte gut oder schlecht sind, ist eine andere Frage — dafür brauchst du einen Vergleich, und der steht im Ratgeber zur durchschnittlichen Abschlussquote. Und wie du an einer schwachen Stelle in dreißig Tagen etwas veränderst und nachmisst, steht im Ratgeber zum Vertriebsprozess. Hier ging es um die Frage davor: welche Zahlen du überhaupt brauchst — und warum ausgerechnet diese.
Häufige Fragen
Welche Vertriebskennzahlen sind wirklich wichtig?
Vier: Anfragen, gebuchte Termine, stattgefundene Termine, Kunden. Entscheidend sind nicht die Summen, sondern die drei Übergänge dazwischen. In fast jedem Unternehmen bricht genau ein Übergang ein, während die anderen beiden in Ordnung sind — und nur wer die Übergänge kennt, schraubt am richtigen Ende.
Warum reicht es nicht, den Umsatz zu messen?
Weil der Umsatz dir sagt, dass etwas passiert ist, aber nicht, wo es aufgehört hat zu passieren. Zwei Unternehmen mit denselben Anfragen und denselben Kunden können völlig verschiedene Probleme haben — das eine verliert die Leute vor dem Termin, das andere im Gespräch. Der Umsatz sieht in beiden Fällen gleich aus.
Warum sollte ich gebuchte und stattgefundene Termine trennen?
Weil dazwischen ein eigenes Problem sitzt. Werden viele Termine gebucht, finden aber wenige statt, liegt es nicht an deiner Verkaufsfähigkeit, sondern an der Verbindlichkeit, mit der die Termine zustande kommen. Wer diese beiden Zahlen zusammenwirft, sieht diesen Verlust nie.
Ab wann lohnt sich ein CRM?
Sobald du den Überblick verlierst oder mehr als eine Person verkauft. Vorher reichen ein Blatt Papier und fünf Minuten pro Woche. Ein System bildet einen Prozess ab, es ersetzt ihn nicht — wer einen unklaren Ablauf einträgt, hat hinterher einen unklaren Ablauf mit Monatsgebühr.
Wie oft schaue ich mir die Zahlen an?
Einmal pro Woche, fünf Minuten, immer am selben Tag. Häufiger führt zu Hektik, seltener zu Blindflug. Wichtig ist nicht die Genauigkeit auf die Nachkommastelle, sondern dass du die Bewegung siehst: Welcher der drei Übergänge hat sich ver ändert — und was habt ihr in der Woche davor anders gemacht?
Fazit
Kennzahlen im Vertrieb sind kein Controlling-Thema. Sie sind der Unterschied zwischen „wir müssen mehr machen“ und „wir wissen, wo es hakt“.
Vier Zahlen, drei Übergänge, fünf Minuten in der Woche. Mehr braucht es nicht, um zu sehen, an welcher Stelle dir die Leute verloren gehen. Und wenn du diese Stelle kennst, hörst du auf zu raten — und fängst an zu arbeiten. Das ist der ganze Unterschied. Alles andere ist ein Dashboard, in das keiner schaut.
Über den Autor: Farhud Mehrdad ist Gründer von Closeable und seit über 15 Jahren im Vertrieb. Er hat mehr als 4.100 echte Verkaufsgespräche analysiert, davon 434 vollständig ausgewertet, und über 1.000 Kunden selbst abgeschlossen. Heute berät er inhabergeführte Unternehmen, deren Vertrieb Abschlüsse verliert, ohne dass jemand weiß, wo.
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