Ratgeber · Vertriebspsychologie · Lesezeit 7 Minuten · Aktualisiert am 20. Juli 2026
Ankereffekt im Verkaufsgespräch: warum die erste Zahl alles verschiebt
Der Ankereffekt entscheidet, wie teuer dein Preis wirkt – bevor du ihn nennst. Wie der erste Wert alles verschiebt und wie du ihn ehrlich einsetzt statt zu tricksen.
Das Wichtigste in Kürze
Die erste Zahl, die im Gespräch fällt, wird zum Maßstab für alles danach. Das nennt man den Ankereffekt.
Nur: Ein Anker, der aus der Luft gegriffen ist, wirkt wie ein Trick – und Tricks zerstören Vertrauen schneller, als jeder Preis es je könnte.
Der beste Anker ist keine erfundene Zahl, sondern der ehrliche Wert dessen, was auf dem Spiel steht.
Warum 100 Euro mal teuer und mal billig sind
Stell dir vor, du gehst in einen Laden für ein Hemd. Das erste, das du siehst, kostet 300 Euro. Danach wirkt das 120-Euro-Hemd günstig. Jetzt dreh es um: Das erste kostet 40 Euro. Jetzt wirkt dasselbe 120-Euro-Hemd teuer.
Gleiches Hemd, gleicher Preis, völlig anderes Gefühl. Der Unterschied ist nur: Welche Zahl du zuerst gesehen hast.
Das ist der Ankereffekt. Die erste Zahl setzt den Maßstab, und unser Kopf misst alles danach an ihr – ob wir wollen oder nicht. Kahneman hat es erforscht, Verkäufer nutzen es seit es Märkte gibt.
Wo der Anker im Verkaufsgespräch sitzt
Im Gespräch ist der Anker fast nie der Preis. Er ist das, was VOR dem Preis passiert.
Wenn dein Gegenüber vor deinem Angebot begriffen hat, dass ihn sein Problem jeden Monat 4.000 Euro kostet, dann ist dein Preis von 3.000 Euro günstig. Wenn er das nicht begriffen hat, ist derselbe Preis teuer. Nicht weil sich der Preis geändert hat, sondern weil der Anker fehlt.
Deshalb verstolpern die meisten den Preis: Sie nennen ihn im luftleeren Raum. Es gibt keine Zahl davor, an der er günstig wirken könnte. Also misst der Kunde ihn an der einzigen Zahl, die er hat – der Null.
Wo es zum Trick wird
Nur, Hand aufs Herz: Ab hier wird es heikel. Denn den Ankereffekt kann man missbrauchen.
Der klassische Trick ist der erfundene Fantasiepreis. „Normalerweise 15.000, für Sie heute 3.000." Wenn die 15.000 nie echt waren, ist das keine Verankerung, das ist eine Lüge mit Zahlen. Und dein Gegenüber – gerade im B2B, gerade wenn er selbst verkauft – durchschaut das. In dem Moment misstraut er nicht nur dem Preis, sondern dir.
Der zweite Trick ist der Druck-Anker: eine hohe Zahl hinwerfen, um den Kunden zu erschrecken, und dann „nachlassen". Das erzeugt genau das, was du nicht willst – das Gefühl, verhandelt worden zu sein.
Wie du ehrlich verankerst
Kein Fantasiepreis. Der ehrliche Anker ist immer schon da, du musst ihn nur sichtbar machen:
1. Verankere an den Kosten des Problems. Rechne mit ihm gemeinsam aus, was ihn die aktuelle Lage kostet – in echt, mit seinen Zahlen. Diese Zahl ist der Anker, und sie gehört ihm, nicht dir.
2. Nenn den Preis erst, wenn der Anker steht. Wert kommt vor Preis. Kein einziger Preis ist zu hoch, wenn vorher klar wurde, was das Nicht-Handeln kostet.
3. Lass die höhere Option zuerst stehen. Wenn du zwei Wege anbietest, nenn den umfangreicheren zuerst. Das ist keine Manipulation – es ist die Reihenfolge, in der der Vergleich fair wird.
Die Grenze
Der Ankereffekt wirkt, ob du ihn bewusst einsetzt oder nicht – irgendeine Zahl fällt immer zuerst. Die Frage ist nur, ob es eine ehrliche ist oder eine erfundene. Die ehrliche baut Vertrauen und macht den Preis leicht. Die erfundene bringt dir vielleicht einen Abschluss und kostet dich den Ruf.
Der beste Anker ist der, den du auch dann noch verteidigen könntest, wenn der Kunde nachrechnet.
Über den Autor: Farhud Mehrdad ist Gründer von Closeable und seit über 15 Jahren im Vertrieb. Er hat mehr als 4.100 fremde Verkaufsgespräche analysiert und über 1.000 Kunden selbst abgeschlossen. Heute berät er inhabergeführte Unternehmen, deren Vertrieb Abschlüsse verliert, ohne dass jemand weiß, wo.
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